Stadtbahn-Prototyp „601“ nach 41 Jahren zurück in Hannover

Großer Erfolg für den Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER e.V.: Die Rückholung des Stadt-bahnwagen-Prototypen 601 aus Kanada ist abgeschlossen. Am Dienstagvormittag wurde der 20 Meter lange Wagen im Bereich des üstra-Betriebshofes Döhren vom LKW abgeladen, der ihn in der Nacht zuvor von Bremerhaven gebracht hatte. Dies war die letzte Etappe einer insgesamt knapp 41-jährigen Rundreise, die den üstra-Wagen zwei Mal über den Atlantik, durch den Panama-Kanal und über die Rocky Mountains führte. Die Rückholung, sie kostete rund 75.000 Euro, wurde komplett aus ehrenamtlicher Arbeit und Spendengeldern finanziert. Sie hat weder die üstra noch die öffentliche Hand etwas gekostet. Für den Wagen selbst wurde symbolisch genau ein Dollar bezahlt.

Der Triebwagen (Tw) 601 stellt die in der Sammlung historischer üstra-Fahrzeuge bislang fehlende Entwicklungsstufe von der Straßenbahn zur Stadtbahn dar. Mit seiner rot-weißen Lackierung fällt er sofort als Exot auf. Großer Vorteil: Er ist ein echter Oldtimer, kann aber dank Klapptrittstufen an allen Haltestellen Fahrgäste aufnehmen. Der Tw 601 ist erkennbar anders als alle übrigen Stadtbahnen in Hannover, etwas besonderes in jeder Beziehung. Der Tw 601 kann durchaus als „Urvater“ späterer Hochflur-Stadtbahngenerationen gelten.

Nach Abschluss anstehender Arbeiten an anderen, zu Sonderfahrten häufig eingesetzten Fahrzeugen werden sich die ehrenamtlich tätigen Aktiven des Fördervereins STRASSENBAHN HANNOVER e.V. zusammen mit Experten der üstra an die Komplettierung, Anpassung und Wieder-Inbetriebnahme des Heimkehrers machen. Wie lange das dauern wird, ist noch nicht abzusehen. Auf den ersten Blick ist der Zustand des Wagens sehr gut, es ist jedoch allein aufgrund des Alters mit Überraschungen zu rechnen. Bei der späteren Wiederinbetriebnahme gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit, zudem müssen auch die hierfür erforderlichen Gelder erst zusammenkommen. Der Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER e.V. wird daher weiter um Spenden für den Tw 601 bitten und entsprechende Veranstaltungen anbieten.

 

1975 nach Kanada verschifft


Im Zuge des U-Bahn-Baues hatte die üstra zwei Stadt-bahnwagen-Protoypen bestellt, die 1970 ausgeliefert wurden. Einen baute die Waggonfabrik Linke-Hofmann-Busch (Salzgitter) mit Elektrotechnik von AEG, den zweiten die Düsseldorfer Waggonfabrik zusammen mit Siemens. Sie erhielten die Wagennummern 600 und 601. Mit ihnen konnten wertvolle Erkenntnisse für die spätere Serienbestellung gewonnen werden. Die beiden rot-weiß lackierten Wagen kamen mit Fahrgästen nur auf der Linie 14 zum Einsatz, ferner zu vielen Probe- und Vorführfahrten im entstehenden U-Bahn-Tunnel. Schon vor Aufnahme des Stadtbahnbetriebes im Herbst 1975 waren sie abgestellt.

Der Tw 601 wurde, nachdem die üstra ihn nicht mehr benötigte, 1975 von Siemens als Vorführfahrzeug nach Kanada gebracht. In Vancouver erhoffte sich der Konzern einen größeren Auftrag; die Entscheidung fiel jedoch für ein anderes System. Der Wagen blieb jahrelang in einem Schuppen am Hafen abgestellt. 1988 wurde er von Vancouver nach Edmonton abgegeben, wo er nach Anpassungsarbeiten mit Siemens-Unterstützung auf einer touristischen Straßenbahnlinie eingesetzt wurde.

 

Rückholung mit Spenden und ehrenamtlicher Arbeit finanziert


In den 1990er Jahren gab es in Hannover einen ersten Versuch, den Tw 601 zurückzuholen. Durch das Engagement des Fördervereins klappte es jetzt auf Anhieb, kontinuierlich wurde das große Ziel verfolgt. Ab 2013 sammelte der Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER e.V. gezielt Spenden für die Rückholung des Prototypen. Zahllose Spender und Teilnehmer an Straßenbahn-Sonderfahrten haben ihren kleinen oder großen Anteil am Erfolg – ohne sie wäre es nicht möglich gewesen. Der Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER e.V. dankt anlässlich der Ankunft des Wagens ausdrücklich allen Unterstützern und Spendern.

Die üstra, die den Wagen nun wieder in ihren Fahrzeugpark übernehmen wird, unterstützte die Planungen und Aktionen ideell. Mit der Umsetzung der Transport-Pläne war die hannoversche Niederlassung des weltweit tätigen Logistikunternehmens Kühne+Nagel beauftragt. Der Wagen traf pünktlich und ohne Beschädigungen in Hannover ein. Hier wird nun noch ein Container mit Ersatztei-len und vor dem Transport demontierten Komponenten erwartet. 

Der erstgebaute Stadtbahnwagen-Prototyp Tw 600 ging im Februar 1978 von Hannover zurück zur Waggonfabrik in Salzgitter. Dort sollte er wegen der technikhistorischen Bedeutung der Prototypen neben Straßenbahnen aus Hamburg und Berlin, Dampfloks und Salonwagen im LHB-Werksmuseum aufgestellt werden. Es kam jedoch letztlich nicht dazu; er wurde Ende der 1980er Jahre in Salzgitter verschrottet.

 

Der Förderverein


Der Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER e.V. pflegt, wartet und betreibt die historischen Straßen- und Stadtbahnen der üstra. Standort ist Döhren, wo sich auch die Oldtimer-Werkstatt befindet. Alle Arbeiten an und mit den Fahrzeugen werden ehrenamtlich durchgeführt, dabei gelten sämtliche Vorschriften des laufenden Betriebes auch für die Mitarbeiter, die Oldtimer und deren Einsätze. Im April 2016 feierte der Förderverein STRASSENBAHN HANNOVER sein 25-jähriges Bestehen als eingetragener Verein. Er bietet im Jahresverlauf zahlreiche Sonderfahrten an; historische Straßenbahnen können auch angemietet werden. Die Einnahmen hieraus finanzieren die aufwändige Instandhaltung und Restaurierungen.  

 

„Reisedaten“ des Stadtbahnwagen-Prototyps Tw 601

 

14. April 1970

Eintreffen als zweiter Stadtbahnwagen-Prototyp in Rethen nach Bahntransport, von Düsseldorf kommend

 

12. Okt. 1970

Inbetriebnahme, Einsätze auf der Linie 14 (Oberricklingen–Kirchrode), ab 1971 auch Testfahrten im U-Bahn-Tunnel

 

Frühjahr 1975

abgestellt – es gab keinen Linieneinsatz der Stadtbahn-Prototypen im Tunnel

 

8. Dez. 1975

Bahntransport ab Bahnhof Hannover-Linden/Hafen nach Bremerhaven 

 

10. Dez. 1975

Schiffsreise ab Bremerhaven nach Vancouver – Schiff »Theokrates«, Fahrt über den Atlantik und durch den Pa-nama-Kanal an Kanadas Westküste; außer für Werbefotos aber kein Einsatz in Vancouver 

 

Januar 1988

nach langer Abstellzeit mehrtägiger LKW-Transport von Vancouver nach Edmonton über die Rocky Mountains; nachfolgend Aufarbeitung, Anpassung und Inbetriebnahme; danach Einsatz bei der Edmonton Radial Railway Society

 

28. Aug. 2016

letzter Einsatz mit Fahrgästen in Edmonton

 

13. Sept. 2016

mehrwöchiger, von Kühne+Nagel organisierter Rück-Transport ab Edmonton (CDN), zunächst per LKW nach Baltimore (USA) 

 

23. Sept. 2016

in Baltimore umladen auf einen schiffsgängigen Mavi-Trailer 

 

3. Oktober 2016

Schiffsreise ab Baltimore, US-Ostküste direkt nach Bremerhaven – Schiff »Tønsberg«, weltgrößter RoRo-Frachter (Reederei Wallenius Wilhelmsen)

 

13. Okt. 2016

Eintreffen in Bremerhaven, entladen 

 

17. Oktober 2016

in Bremerhaven Umladen von Mavi-Trailer auf LKW

 

18. Okt. 2016

Eintreffen in Hannover – Betriebshof Döhren, Werkstatt für die historischen Fahrzeuge

 

Einige Daten Tw 601 / TW 6000 im Vergleich

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sich der Prototyp nicht nur bei der Gesamtlänge recht deutlich von den späteren Serien-„Grünen“ unterscheidet. Vieles wurde überarbeitet, verbessert, neu gestaltet, von der Lüftung über die Sitzanordnung bis zur gesamten Antriebs- und Steuerungstechnik. Der Tw 601 ist kein „verkürzter“ TW 6000. Technisch entspricht er eher den Frankfurter U-Bahnwagen als den hannoverschen Stadtbahnen.

                            Prototyp Tw 60 | Serie TW 6000

Wagennummer(n)     601                  | 6001 – 6260

Baujahr(e)               1969/70            | 1974 – 1993

Anzahl                     1                     | 260

Achsen                    6, davon 4         | 8, davon 4

                             angetrieben        | angetrieben

Leistung                  2x 150 kW          | 2x 217 kW

                             (2x 204 PS)          (2x 295 PS)

Leermasse               27.710 kg           | 38.800 kg

Länge über Kupplung 20.780 mm         | 28.280 mm

Länge über Blech      19.500 mm         | 27.000 mm

Wagenkastenbreite     2.500 mm         |   2.400 mm 

Fußbodenhöhe              930 mm         |      943 mm

Sitzplätze           48 (auf 38 reduziert)  |       46

Stehplätze          124 (bei 0,15 m²/1)   |      104 (bei 0,25 m²/1)

Gestaltung          LHH/DÜWAG/ÜSTRA/ | Prof. Herbert Lindinger

                        Detlef Draser 

Gratulieren dem Vorsitzenden des Fördervereins Fritz Faupel (2. vl.) zur Heimkehr des TW 601: üstra Stadtbahnchef Johannes Gregor (li.), üstra Vorstandsvorsitzender André Neiß und üstra Aufsichtsratsvorsitzender Ulf-Birger Franz (re.) Fotograf: Florian Arp